Kranke Frau muss arbeiten: Fragwürdige Bescheide vom Arbeitsamt - Chef reagiert jetzt –

      Kranke Frau muss arbeiten: Fragwürdige Bescheide vom Arbeitsamt - Chef reagiert jetzt –

      Der Chef der Arbeitsagentur Berlin Nord, Christoph Möller,
      schreibt einen Brief an die arbeitslose Julia R. Er unterscheidet
      sich in allem von dem, was die Agentur sonst verschickt: Es ist keine
      Aufforderung, kein Bescheid, keine Ermahnung, sondern ein
      freundlicher, kundiger, selbst verfasster Text in völlig
      verständlichem Deutsch. Die Empfängerin liest zwei Mal, fragt
      verdutzt eine Freundin: Ob der Brief echt ist?

      Der Chef selbst nämlich stellt darin in Aussicht, dass die
      Bescheide, die Julia R. bisher von seiner Arbeitsagentur erhalten
      hat, und die sie in schiere Verzweiflung stürzten, überprüft
      werden. Er trifft sie kurz danach zu einem persönlichen Gespräch,
      den Ort kann sie selbst wählen.

      Die Berliner Zeitung berichtete zwei Mal ausführlich über den
      Fall der 53-jährigen Buchhalterin Julia R. (3. 4. und 10. 8.
      2017), die sich von dem Amt bisher so falsch behandelt fühlt. Als
      habe sie eine Art Faulkrankheit.

      Dabei war sie 37 Jahre lang angestellt, zahlte ohne Pause in die
      Sozialsysteme ein, bevor sie schwere Depressionen bekommt, Monate im
      Krankenhaus verbringt und mit Auslaufen des Krankengeldes von der
      Krankenkasse zum Arbeitsamt geschickt wird. Das ist ein Jahr her,
      Julia R. befindet sich damals erstmals auf dem Weg der Besserung,
      will nach dem Hamburger Modell langsam wieder in ihrem alten Job
      anfangen.

      Der Chirurg und die Depressive
      Doch die Arbeitsagentur hilft ihr nicht dabei, sondern schickt sie
      zu einem Gutachter. Er ist kein Psychiater, sondern Chirurg und
      Sozialmediziner. Er stuft die Kranke als voll arbeitsfähig ein.

      Julia R. erschrickt. Ihr behandelnder Arzt verbietet ihr noch die
      Arbeit, trotzdem soll sie sofort in Vollzeit zurück in einen Job.
      Das schaffe sie jetzt nicht, sagt sie der Agentur. Die erklärt kühl,
      gegen den Bescheid sei kein Widerspruch möglich, sie müsse dann
      beim Jobcenter Hartz IV beantragen.

      Der soziale Abstieg kommt zügig. Ein halbes Jahr bezahlt Julia R.
      Krankenkasse, Miete, alles von ihren Ersparnissen, bis die auf das
      zulässige Hartz-IV-Niveau geschrumpft sind. Derweil verschlechtert
      sich ihr Krankheitszustand, allein durch die ständigen
      Arbeitsaufforderungen des Jobcenters.

      Die Berliner Zeitung versucht, diesen Fall aufzuklären: Warum
      begutachtet ein Chirurg eine schwer Depressive? Warum gilt für
      diesen Fall nicht das sogenannte Nahtlosigkeitsprinzip, wonach Kranke
      so lange Arbeitslosengeld bekommen, bis über eine
      Erwerbsminderungsrente entschieden ist?

      Der aufmerksame Chef
      Vom Sprecher der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg kommt die
      rabiate Antwort: „Für uns ist die Frau gesund.“ Auf die
      Veröffentlichung in der Zeitung reagiert die Agentur mit Schweigen.

      Auch danach bleiben allgemeine Fragen zum Thema ewig
      unbeantwortet, bevor der Behörden-Sprecher das zugesagte Interview
      ohne Angabe von Gründen cancelt. Die Agentur schien an einer
      Aufklärung der Fragen nicht interessiert zu sein. Den Fall sollen
      Gerichte klären.

      Aber es passieren noch Zeichen und Wunder. Der Chef der für Julia
      R. zuständigen Arbeitsagentur Berlin-Nord erfährt durch die Zeitung
      von dem Fall, nicht etwa durch den Informationsfluss der eigenen
      Agentur. Christoph Möller ist neu in Berlin, hat vorher ein Amt in
      Norddeutschland geleitet, sieht Handlungsbedarf. Er trifft sich mit
      Julia R. und sagt, dass er eine neue Begutachtung prüfen lasse und
      eine Wiederaufnahme der Betreuung durch die Arbeitsagentur.

      Es gab viele Reaktionen auf die Texte zum Arbeitsamt, die meisten
      beschreiben eigene Ohnmacht, vermuten System hinter den Verfahren.
      Und dann so was. Ein einzelner Chef bringt alles durcheinander,
      meldet sich und übernimmt Verantwortung. Und er entreißt den
      überlasteten Sozialgerichten einen Fall.




      berliner-zeitung.de/berlin/kra…f-reagiert-jetzt-28248268

      Fazit: die fragwürdigen Begutachtungen durch fachfremde Ärzte.

      Wie heißt es so schön: -Gutachter sind Generalisten!!!

      Gibt es denn nun für psychisch Kranke
      auch Psychiater als Gutachter? Oder müssen die grundsätzlich zum
      Chirurgen? Dr. X sagt: „Es kommt nur äußerst selten vor, dass
      tatsächlich ein Psychiater hinzugezogen wird. Denn eine psychische
      Beeinträchtigung hat praktisch jeder Arbeitslose,
      so viele
      Psychiater gibt es im ganzen Land nicht, wie man da brauchte.“ Dr.
      X ist aber sicher, dass er und seine Kollegen auch für psychisch
      Kranke unabhängige und richtige Diagnosen stellen. – Quelle:
      berliner-zeitung.de/28143138 ©2017


      Eine Frage der Kompetenz

      Das bezweifelt Peter Marx, der eine Professur für Neurologie an
      der Charité bekleidete und medizinische Gutachter ausbildet. Er
      sagt: „Ein Patient mit einer echten schweren Depression kann nicht
      von einem Chirurgen oder Sozialmediziner begutachtet werden
      . Das ist
      eine gutachtlich nicht zulässige Kompetenzüberschreitung. Eine
      derartige Begutachtung erfordert neben der vollständigen Kenntnis
      der Krankengeschichte eine fachärztliche, das heißt psychiatrische
      Exploration und Befunderhebung. Auf eine kurze Momentaufnahme darf
      man sich dabei nicht verlassen.“

      Quelle: berliner-zeitung.de/28143138 ©2017