Wer wählt Rechtspopulisten? Erfahrung von Unsicherheit und Kontrolle im Arbeitsleben sowie Zukunftssorgen wichtige Faktoren

      Wer wählt Rechtspopulisten? Erfahrung von Unsicherheit und Kontrolle im Arbeitsleben sowie Zukunftssorgen wichtige Faktoren

      Die meisten Menschen in Deutschland nehmen die aktuelle
      wirtschaftliche Situation positiv wahr – doch viele machen sich
      Sorgen um ihre Zukunft. Weitaus mehr Bürger als früher haben das
      Gefühl, auf sich selbst gestellt zu sein und sich in eigener
      Verantwortung behaupten zu müssen. Globalisierung, Freihandel und
      technischer Wandel sorgen für Verunsicherung, auch starke
      Zuwanderung und Kriminalität werden als Probleme wahrgenommen, der
      soziale Zusammenhalt gilt vielen als gefährdet. Soziale
      Gerechtigkeit ist für mehr als 90 Prozent ein zentraler Wert und
      Anspruch, ebenso die Durchsetzung von Recht und Ordnung.
      Abstiegsängste und die Sorge, die Kontrolle über persönliche und
      gesellschaftliche Lebensumstände zu verlieren, sind verbreitet.
      Daraus könnten Rechtspopulisten Kapital schlagen: Menschen, die
      befürchten, dass es ihnen und ihren Kindern künftig schlechter
      gehen wird oder die der Meinung sind, dass auf mehreren Ebenen über
      sie hinweg entschieden wird, neigen überdurchschnittlich häufig der
      AfD zu. Das gilt insbesondere mit Blick auf das Arbeitsleben und für
      Beschäftigte, die Überwachung und Kontrolle am Arbeitsplatz
      erleben. Gewerkschaftsmitglieder sind davon im gleichen Maße wie
      Nichtmitglieder betroffen, zeigt eine von der Hans-Böckler-Stiftung
      geförderte Studie auf der Basis neuer repräsentativer
      Befragungsdaten.* Die Untersuchung wird heute auf einer
      Pressekonferenz in Berlin vorgestellt. Die Präsentation zur PK mit
      weiteren Kerndaten finden Sie unten verlinkt.

      „Kontrollsorgen, Abstiegsangst, Angst vor Arbeitslosigkeit und
      Verunsicherung über die Zukunft fördern laut dieser Studie
      nachweislich den Zulauf zu Rechtspopulisten“, sagt Reiner Hoffmann,
      Vorsitzender des DGB und des Vorstands der Hans-Böckler-Stiftung.
      „Unsere Antwort kann nur lauten: Mehr Sicherheit im Betrieb mit
      Tarifverträgen und einer starken Mitbestimmung, und eine Ordnung auf
      dem Arbeitsmarkt, die Gute Arbeit fördert und sichert, also prekäre
      Beschäftigung wie Leiharbeit eingrenzt und sachgrundlose Befristung
      abschafft. Wer noch mehr Zeitarbeit will, mehr Befristung oder die
      Arbeitszeit deregulieren will, wer nicht mal die Begriffe
      Tarifvertrag und Mitbestimmung im Wahlprogramm verankert hat, hat
      nicht verstanden, was auf dem Spiel steht.“

      Für die Untersuchung haben der Soziologe und Wahlforscher Richard
      Hilmer, die Soziologieprofessorin Dr. Bettina Kohlrausch, die
      Soziologin Rita Müller-Hilmer und der Politikwissenschaftler Jérémie
      Gagné von Mitte Januar bis Anfang Februar 2017 knapp 5.000 Personen
      ab 18 Jahren zu ihren politischen Einstellungen, Wertorientierungen
      sowie Sichtweisen auf die Arbeitswelt befragt. Die Stichprobe der
      Online-Umfrage ist für die Wahlberechtigten in Deutschland
      repräsentativ. Über multivariate Analysen können die Forscher
      Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Antworten identifizieren.
      Die zentralen Ergebnisse:

      - Die Mehrheit der Bundesbürger ist mit ihrer aktuellen
      Lebenssituation zufrieden. Drei von vier bezeichnen die
      wirtschaftliche Lage in Deutschland als gut oder sehr gut. 56 Prozent
      bewerten auch die eigene finanzielle Situation positiv. Aber viele
      Bürgerinnen und Bürger äußern Sorgen mit Blick auf die Zukunft.
      Globalisierung, Freihandel und Digitalisierung sorgen für
      Verunsicherung. Der Aussage „Unsere Gesellschaft treibt immer
      weiter auseinander“ stimmen 53 Prozent der Befragten zu. „In
      unserer Gesellschaft gibt es noch viel Zusammenhalt“ sagen nur 23
      Prozent. 55 Prozent der Befragten sorgen sich um die Zukunft ihrer
      Kinder, 49 Prozent um ihre Altersversorgung.

      - Rund die Hälfte der Befragten hat das Gefühl, dass ihre
      Interessen durch Politik und Institutionen nicht in ausreichendem
      Maße vertreten werden. 49 Prozent der Befragten sind der Ansicht,
      die Politik tue für sie weniger als für andere Gruppen der
      Bevölkerung, 23 Prozent sehen sich explizit nicht benachteiligt.

      - Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenslage ist der wesentliche
      Treiber, die derzeit stärkste rechtspopulistische Partei – die AfD
      – zu wählen. Dabei kommt es weniger auf die objektive soziale Lage
      an, sondern vor allem auf die subjektive Wahrnehmung der eigenen
      Lebenslage. Menschen, die AfD wählen oder es in Erwägung ziehen,
      befinden sich überwiegend nicht in einer finanziell prekären
      Situation, aber sie fühlen sich vor möglichen Krisen in der Zukunft
      nicht ausreichend geschützt, zeigt die Analyse: 67 Prozent der
      AfD-Wähler geben an, dass sie sich Sorgen um ihre persönliche
      Zukunft machen; in der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil bei 46
      Prozent.

      - Die Wahrnehmung von Menschen, die anfällig für
      Rechtspopulismus sind, ist geprägt durch das Gefühl persönlicher
      Zurücksetzung: AfD-Wähler ordnen sich unabhängig von ihrem realen
      Einkommen in der Gesellschaft niedriger ein. Sie geben
      überdurchschnittlich häufig an, im Vergleich zu den Eltern einen
      sozialen Abstieg erlebt zu haben.

      Gleichzeitig treibt die Empfindung eines dreifachen
      Kontrollverlusts zur AfD-Wahl:

      In persönlicher Hinsicht: mit
      Blick auf den technologischen Wandel und Zukunftsängste

      In politischer Hinsicht: Politik
      und Institutionen werden als abgehoben wahrgenommen.

      In nationalstaatlicher Hinsicht: Der Staat kommt aus Sicht
      AfD-affiner Bürger seiner Aufgabe nicht ausreichend nach, die
      eigene Bevölkerung zu schützen.

      - AfD-Wähler zeichnen sich durch ihre Distanz zur Demokratie aus:
      Nur 40 Prozent der AfD-Wähler halten Deutschland für durch und
      durch demokratisch und nur 38 Prozent sehen die Meinungsfreiheit als
      gegeben an. Ferner misstrauen sie den maßgeblichen Institutionen
      ausgesprochen stark und befürworten stattdessen Prinzipien, die den
      „Volkswillen“ direkt zur Geltung bringen.

      - Der Großteil der AfD-Wähler ist laut der Studie zwar in der
      unteren Mittelschicht zu finden, bei den Berufsgruppen sind Arbeiter
      überrepräsentiert. Allerdings sind es keinesfalls ausschließlich
      die „sozial Abgehängten“, die die AfD wählen. Auch Menschen mit
      besonders hohen Nettoeinkommen weisen – im Vergleich zur oberen
      Mittelschicht – eine erhöhte Wahrscheinlichkeit auf, AfD zu wählen
      oder es zumindest in Betracht zu ziehen. Dass Rechtspopulisten
      verstärkt von Arbeitslosen gewählt werden, stimmt ebenfalls nicht.
      Wer keine Arbeit hat, wählt deshalb nicht häufiger AfD als der Rest
      der Bevölkerung. Aber: Menschen, die um ihren Arbeitsplatz fürchten,
      und das Gefühl haben, im Falle einer Arbeitslosigkeit keinen neuen
      Job finden zu können, sind empfänglicher für rechte Parteien. Auch
      dies zeigt, dass Abstiegsängste ein entscheidender Faktor sind.

      - Die Situation am Arbeitsplatz spielt eine wichtige Rolle dafür
      ob rechtspopulistische Positionen als attraktiv wahrgenommen werden:
      Das Gefühl von Kontrollverlust und Ausgeliefertsein erhöht die
      Wahrscheinlichkeit, rechts zu wählen – und zwar insbesondere dann,
      wenn in einem Kleinbetrieb gearbeitet wird. Unter AfD-Wählern und
      Sympathisanten sind Aussagen wie „Durch die Digitalisierung wird
      die Überwachung und Kontrolle meiner Arbeitsleistung immer größer“,
      „Ich stecke in unsicheren Billigjobs fest“ und „Dass ich für
      meinen Arbeitgeber leichter erreichbar bin, bedroht mein Privatleben“
      verbreiteter als in der Gesamtbevölkerung. Die Zustimmung zu diesen
      Aussagen hat einen signifikanten Einfluss auf eine Wahl der AfD.

      - Eine besonders AfD-affine Gruppe, nämlich Personen bis zu einem
      mittleren Einkommen (unter 2500 Euro) und mittlerer Bildung (maximal
      mittlere Reife), die der Aussage zustimmen „Was mit mir passiert,
      wird irgendwo draußen in der Welt entschieden“, zeigt wie unter
      einem Brennglas, dass die konkrete Erfahrung von Mitbestimmung und
      Sicherheit am Arbeitsplatz für sie einen Unterschied macht:
      Unterliegt das Arbeitsverhältnis dieser Beschäftigten keinem
      Tarifvertrag oder sind sie befristet beschäftigt, so rücken sie
      deutlich wahrscheinlicher in die Nähe der AfD als Personen in einem
      festen bzw. tarifvertraglich geregelten Arbeitsverhältnis – ein
      Zusammenhang, der sich im Durchschnitt aller Befragten nicht ergibt.
      „Diese Befunde zeigen, dass gerade für diese spezielle Gruppe der
      unteren Mittelschicht Unsicherheitserfahrungen und mangelnder
      tarifvertraglicher Schutz treibende Faktoren für die AfD-Wahl sind“,
      schreiben die Wissenschaftler. Die beschriebene Gruppe umfasst rund 5
      Millionen Wahlberechtigte, von denen gut ein Fünftel angibt, AfD
      wählen zu wollen.

      - Die Forscher weisen erstmals nach, dass es keinen Zusammenhang
      gibt zwischen der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft und der
      Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen. Das bedeutet: Bei gleicher
      Ausgangslage verschiedener Personen (jeweils gleiches Einkommen,
      berufliche Position, Bildungsabschluss, Alter, Geschlecht und
      Wohnsitz in Ost- bzw. Westdeutschland) macht es bei der
      Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen, keinen Unterschied, ob jemand
      Gewerkschaftsmitglied ist oder nicht. Wer sich in seiner Gewerkschaft
      aktiv engagiert, neigt signifikant seltener Rechtspopulisten zu als
      wer dies nicht tut – so wie andere ehrenamtlich Engagierte auch.

      - Gewerkschaftsmitglieder sind besonders sensibel für
      Gerechtigkeitsfragen am Arbeitsplatz: Ob sie gemäß ihrer
      Qualifikation beschäftigt sind oder nicht, ob sie sich den
      Veränderungen ohnmächtig gegenüber stehen sehen und auch die
      erlebte Überwachung und Kontrolle am Arbeitsplatz beeinflusst ihre
      Entscheidung, AfD zu wählen oder es in Erwägung zu ziehen, in
      stärkerem Maße als bei Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern.

      Fazit: Die Auswertung liefert konkrete Anhaltspunkte für
      politisches Handeln. Sie zeigt, welche Einstellungen und soziale
      Lebenslagen die rechtspopulistische Orientierung verstärken und
      damit das rechte Lager vergrößern – und dass dabei ein Gefühl
      des „Ausgeliefertseins“ am Arbeitsplatz eine große Rolle spielt.
      Genauso lassen sich aber auch Faktoren identifizieren, die vor
      Rechtspopulismus „schützen“ und damit Demokratie und
      Zusammenhalt in der Gesellschaft wie auch in der Arbeitswelt stärken.
      Menschen, die mit ihrem eigenen Leben zufrieden sind, wählen
      seltener AfD. Deutlich hervorstechende „Haltepunkte“ sind auch
      eine hohe Zustimmung zu Werten wie Weltoffenheit und Toleranz,
      Solidarität der Menschen untereinander und sozialer Gerechtigkeit.
      Nicht zuletzt ist es ehrenamtliches Engagement, das die
      Wahrscheinlichkeit verringert, in die Nähe von Rechten zu geraten.

      Weitere Informationen:

      boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/106575_110284.htm